Pfarrei St. Johann Osnabrück

Pfarrei St. Johann Osnabrück

Geschichte

Eine Kirche des Übergangs: Die Stiftskirche St. Johann zu Osnabrück

Warum baut man eine neue Kirche?

Am 13. Juli 1011 hatte der gelehrte und weit über die Grenzen seines Bistums bekannte Bischof Detmar von Osnabrück knapp ein Kilometer von der Domkirche entfernt vor den Toren der Stadt (in der sogenannten „Wüste“) ein Kollegiatstift gegründet und den Grundstein zur ersten Johanniskirche gelegt. Diese Kirche und ihr Nachfolgebau wurden rasch zu klein, weil sich nicht nur das Stift selbst, sondern auch die sie umgebende „Neustadt“ sehr rasch und positiv entwickelten. Zum Beginn des 13. Jahrhunderts lebten in der Umgebung von St. Johann etwa 2000 Menschen, wo ungefähr 200 Jahre zuvor nur einzelne Höfe von ziemlich undurchdringlichem Sumpfland umgeben waren. Handel und Handwerk hatten zudem einen gewissen Wohlstand mit sich gebracht, so dass der Bau einer größeren und natürlich auch schöneren Kirche in Angriff genommen werden konnte. Am 25. März 1256 legte Bischof Bruno von Isenburg (1250-1258) den Grundstein für die völlig neue Kirche.

Zur selben Zeit als man sich in der Neustadt zum Bau der neuen Kirche entschloss, war man im Dom mit dessen Erneuerung nach dem großen Brand im Jahre 1253/54 beschäftigt. Der damals neu entstehende Chor zeigt genau wie die Johanniskirche (und übrigens auch die „vierte“ Marienkirche, an der ebenfalls parallel gearbeitet wurde) rheinischen Einfluss und den Geist des Übergangsstils von der Romanik zur Gotik. Steinmetzzeichen und sich weiter entwickelnde Schmuckformen der Kapitelle zeigen, dass der Bau von Osten nach Westen durchgeführt wurde. Bei der Weihe der Kirche (18. August 1292) waren der Nordturm und der die beiden Türme verbindende Westriegel noch nicht fertiggestellt. Aber die drei Jahre vorher fertiggewordene Glocke rief vom Südturm die Stiftsherren und Gläubigen zu Gebet und Gottesdienst.

Warum also baute man die neue St.-Johannis-Kirche? Zunächst ganz praktisch: Weil die alte zu klein geworden war und die Mittel zum Bau einer modernen und großen Kirche zwar mühsam aber doch stetig und unter großer Opferbereitschaft aller Beteiligten (Adel und Volk; Klerus und Laien; Freie und Abhängige) aufgebracht werden konnten. Dann aber auch, um inmitten der eigenen oft kleinen und engen Welt etwas wirklich Großes und Wichtiges zu erfahren: die Gegenwart des dreifaltigen Gottes, von dessen „Wohnung unter den Menschen“ durch den Verlauf vieler Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch vor allem das Innere der Johanniskirche kündet.

Immer wieder: vom Alten zum Neuen!

Es gibt Kirchen, an denen rühmt man ihre „Stilreinheit“: etwa den Dom zu Köln (die „reine Gotik“) oder die Abteikirche von Maria Laach (die „reine Romanik“; Bauzeit von 1093 bis etwa 1250). In St. Johann ist das anders. Natürlich: Diese Kirche kann mit Recht als eine der ersten „Hallenkirchen“ in Norddeutschland bezeichnet werden. Charakteristisch ist die Höhe, Ebenmäßigkeit und Weite des Raumes. Insofern macht sie einen in sich geschlossenen und ganzheitlichen Eindruck. Aber wenn man genauer zuschaut wird deutlich: In diesem baulich insgesamt seit gut 700 Jahren unveränderten Raum sind Zeugnisse ganz unterschiedlichen kirchlichen und religiösen Lebens versammelt, die genau wie der Raum selbst immer wieder den Übergang von den alten und vertrauten zu neuen und veränderten Formen des Glaubenslebens widerspiegeln. Einige Beispiele mögen das verdeutlichen.

Zunächst der Tabernakel, der mittlerweile an der Ostwand des südlichen Querschiffes seinen Platz gefunden hat. Das etwa aus dem Jahre 1440 stammende Sakramentshaus war ursprünglich in den Lettner unterhalb des Triumphbogens eingefügt. Bei der Entfernung des Lettners nach der Aufhebung des Stiftes (zum Beginn des 19. Jahrhunderts) wurde es nicht nur um einige Meter versetzt, sondern verlor auch seinen 28 Meter hohen Aufbau. (Einige der damals verloren gegangenen Figuren fanden sich im Pfarrgarten vergraben wieder und sind heute in der Taufkapelle zu sehen!) Seinen jetzigen Platz fand der Tabernakel erst im Jahre 1972. Besonders beachtenswert ist neben dem reichen Figurenschmuck (unten die abendländischen Kirchenväter; im Bogen die alttestamentlichen Propheten; an den Strebepfeilern die zwölf Apostel und darüber die Verkündigungsszene mit Maria und dem Engel; im Tympanon Szenen aus dem Leben des Apostels Johannes) das feuervergoldete Messinggitter mit den Symbolen der vier Evangelisten, einer Wiederholung der Verkündigungsszene und im Zentrum der Figur des Täufers Johannes im härenen Gewand. Im Hintergrund: das himmlische Jerusalem als Zielperspektive der Kirche durch die ganz unterschiedlichen Zeitläufe hindurch.

Der Hochaltar der Kirche war viele Jahrhunderte hindurch für das gläubige Volk nur in seinem obersten Teil sichtbar. Der Lettner versperrte ja die Sicht. Nur die beiden Reliquienschreine waren von weitem zu erkennen. Aber das genügte dem mittelalterlichen Menschen. Das eucharistische Opfer wurde ja an einem der fast 40 Altäre gefeiert, die vor allem an den Außenwänden der Kirche ihren Platz hatten und von ganz unterschiedlichen Stiftern errichtet und unterhalten wurden. (Im südlichen Querschiff ist eine solche Altarnische noch erkennbar. Sie wurde bei der 1997 abgeschlossenen Renovierung wieder herausgearbeitet und ist jetzt mit der einen Hälfte einer aus dem 15. Jahrhundert stammenden Strahlenmadonna geschmückt, die bis zum Jahr 2002 in der Anbetungskapelle hing.)

Der spätgotische Hochaltar aus dem Jahre 1512 ist ein Meisterwerk des Münsteraner Bildhauers Evert van Roden und zeigt vor allem Szenen vom Leiden und der Auferstehung Jesu. (Die wahrscheinlich gemalten Flügel sind im 30jährigen Krieg verloren gegangen.) Auf der Predella Figuren von Christus mit den zwölf Aposteln und Maria und Johannes der Täufer, von denen zwei im zweiten Weltkrieg verloren gingen. In den Schubladen fand ein weiterer Teil des großen und wertvollen Reliquienschatzes des Stiftes seinen Platz. Neben den Reliquien im Altar erinnern die um 1430/40 geschaffenen Sandsteinfiguren der Apostel und der Gottesmutter im Hochchor ebenfalls an die Heiligen als Mittler zwischen dem großen und fernen Gott und den mit ihren irdischen Sorgen und Nöten behafteten Gläubigen.

1682 musste der wertvolle Schnitzaltar einer barocken Ausgestaltung des Altarraumes weichen. (Deren Reste wiederum finden sich an den Pfeilern hinten in der Kirche: die Figuren der Apostel Petrus und Paulus.) Ab 1888 erfolgte dann eine neugotische Umgestaltung der Kirche und brachte den Holzaltar wieder an seinen ursprünglichen Platz. Aus der Zeit dieser neugotischen Renovierung stammen außerdem die Kanzel, die Bänke im Mittelschiff, die Kreuzwegbilder, die Beichtstühle, das Triumphkreuz und der „Familienaltar“ unter dem Südturm, der in liebevoll geschnitzten Szenen (Lukas Memken) das Leben der Heiligen Familie darstellt. Ein Teil der Seitenaltäre war schon im 17. Jahrhundert entfernt worden; mit dieser neugotischen Renovierung wird die Kirche noch konsequenter nach vorne zum Hochaltar ausgerichtet. Man geht nicht mehr umher, sondern kniet bzw. sitzt in den Bänken, um dem Geschehen am Altar zu folgen und die deutenden Worte des Predigers in sich aufzunehmen. Nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1961-65) wurde dann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts genau in der Vierung der Zelebrationsaltar aufgestellt, der aus Elementen der neugotischen seitlichen Chorsschranken zusammengefügt wurde. Er bildet nun als Symbol Jesu Christi den Mittelpunkt der Kirche, um den sich die Gläubigen bei der Heiligen Messe im Hauptschiff und in den Querschiffen als Gemeinde des Herrn versammeln.

Immer wieder gerungen wurde in der Gemeinde um einen angemessenen Ort für die Aufstellung der Orgel. 1448 zum ersten mal erwähnt, steht sie seit 1997 – wie übrigens auch in der Barockzeit - wieder auf einer Tribüne vor dem Westwerk und verdeckt damit einen Teil der mittelalterlichen Fensterrosette. Vorher hatte sie ihren Platz im nördlichen Querschiff; davor auf der Empore des Südturmes. Der moderne Prospekt (hinter dem sich viele uralte Pfeifen verbergen!) und das die Orgel tragende Stahlpodest sind stilistische und praktische Zugaben des 20. Jahrhunderts, das auf diese Weise im von vielen Stilen geprägten Kircheninneren einen markanten Kontrapunkt setzte. Die von der Firma Kreienbrink aus Osnabrück geschaffene Orgel (48 Register) dient nicht nur der Begleitung des Gemeindegesanges, sondern auch als Konzertorgel und bereichert damit die Nutzung des Kirchenraumes durch das zugleich junge wie auch traditionsreiche Konzertwesen.

Ganz verschiedenen Nutzungen dienten im Verlauf der Geschichte die „Nebenraume“ der Kirche. Von der Johannisstraße zugänglich ist die Anbetungskapelle, die Anfang des 14. Jahrhunderts als Begräbniskapelle der Familie von Bar errichtet wurde. Sie diente später als Abstellraum, Totenkapelle und Kriegerdenkmal. Eine gründliche Renovierung im Jahr 2002 verfolgte vor allem die Absicht, den gotischen Charakter des Raumes neu zu betonen und zugleich eine klare Ausrichtung auf das Kreuz (aus dem 2. Viertel des 15. Jahrhunderts und ursprünglich wohl als Triumphkreuz über dem Lettner in der Kirche platziert) und den zur eucharistischen Anbetung tagsüber geöffneten Tabernakel zu betonen.

Auch der Kreuzgang selbst und die beim hinteren nördlichen Eingang angefügte Taufkapelle (ursprünglich Grablege der Familie Stael) stammen aus dem 14. Jahrhundert. Ebenfalls aus dieser Zeit und als klassischer gotischer Raum besonders beeindruckend: die frühere Sakristei und heutige Schatzkammer, die sowohl vom Chor der Kirche (man beachte besonders die aus dem 14. Jahrhundert stammende Tür mit dem Löwenknauf inmitten des Chorgestühls und des mit kostbaren Holzfiguren geschmückten Levitensitzes aus derselben Zeit!) und vom südlichen Seitenschiff aus zugänglich ist. Sie beherbergt den „Kirchenschatz“: mittelalterliche Reliquien in zum Teil kostbaren Stoffen und Kästen; einen barocken Altaraufsatz; die bis heute genutzte ebenfalls barocke Strahlenmonstranz,; eine Vielzahl von Kelchen und geschnitzten Heiligenfiguren und Reliefs aus dem 13-15. Jahrhundert und als wohl kostbarsten Schatz das mit Edelsteinen und wertvoller goldener Filigranarbeit geschmückte Kapitelkreuz aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts. Durch alle Jahrhunderte hindurch wurde und wird dieses Kreuz bei festlichen Anlässen der Prozession des Klerus und des Volkes Gottes vorangetragen. Christus der Auferstandene geht seiner Kirche voran. Er ist Mitte und Höhepunkt des Gottesdienstes und jeder christlichen Gemeinschaft. Davon will die Johanniskirche zeugen – auch und gerade durch alle Veränderungen der Zeitläufe hindurch.

Hermann Wieh, Dechant

Literatur: Piesch, Gerd-Ulrich, Katholische Pfarrkirche St. Johann Osnabrück,

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