Pfarrei St. Johann Osnabrück

Pfarrei St. Johann Osnabrück

Geschichte der großen Orgel in der Johanniskirche

Im Jahre 1448 hören wir erstmals etwas von einer Orgel in St. Johann. Um das Fest Maria Lichtmeß im Februar dieses Jahres begann laut Nekrolog der Johanniskirche Meister Johann von Recklinghausen mit der Arbeit an der Orgel, für die über 80 Reichstaler erforderlich waren. Daß es sich um eine grundlegende Instandsetzung eines bereits vorhandenen Werkes handelte, geht aus einer Urkunde vom 11. März 1452 hervor, in der es heißt, daß die Orgel mit großen Mühen und Kosten renoviert sei und deshalb ein geübter Organist angestellt werden müsse. Zu seiner Besoldung sollten die Einkünfte des Margarethenaltares verwendet werden.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts war also schon eine Orgel in der Johanniskirche vorhanden.

Am 23. Juni 1592 schloß das Kapitel von St. Johann einen Vertrag mit dem Orgelbauerjürgen Slegel zu einer erneuten Reparatur der Orgel. Die Familie Slegel war in Osnabrück nicht unbekannt, sie gehörte zu den bedeutendsten niederländischen Orgelbauern, die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts im nordwestdeutschen Raum tätig waren. Cornelis und Michael Slegel hatten zusammen mit dem Vater Georg 1545-47 im Dom die große Orgel neu gebaut und auch in der Marienkirche 1571 ein neues Werk errichtet. Michael Slegels Sohn Jürgen erwarb 1592 in Osnabrück das Bürgerrecht und ist bis 1629 hier nachweisbar. Wie der bei Bösken abgedruckte, heute nicht mehr erhaltene Vertrag angibt, sollte Slegel die schadhafte »Orgel am Turm« reparieren, ein neues Gebläse liefern, das für ein achtfüßiges Werk ausreichte, einen Tremulanten anfertigen, die Trompete auf Normallage bringen, eine neue Zimbel einbauen und alles erneuern, was an Pfeifen, Laden und Regierwerk zerbrochen war. Am 7. März 1593 war die Arbeit abgeschlossen; der Orgelbauer quittierte, daß alles bezahlt sei.

Das von Slegel reparierte Instrument am Turm war jedoch nicht die einzige Orgel der Johanniskirche, wie sich aus dem Visitationsdekret vom 5. August 1629 ergibt. Dort heißt es: »Wenn auch eine Reparatur der Orgel notwendig erscheint, soll mit Sorgfalt darauf geachtet werden, daß anstelle der drei alten eine brauchbare Orgel an einem geeigneten Ort der Kirche aufgestellt wird.« Aus einer Aufzeichnung der Altäre der Kirche um 1650 lassen sich die Standorte dieser drei Instrumente erkennen: eine Orgel »am Turm« im Westen des nördlichen Seitenschiffes, eine zweite in der Mitte der Nordwand des Seitenschiffes, eine dritte im südlichen Seitenschiff an der Ecke des Querhauses. Natürlich hat es sich bei diesen Instrumenten, die auch 1651 noch vorhanden waren - zwei der drei Orgeln jedoch völlig zerfallen -, um kleinere Werke gehandelt.

In den folgenden Jahren sind nur einzelne Reparaturen nachweisbar. 1679 erfolgt eine Reparatur der Orgel durch den Orgelmacher von Levern, dessen Name nicht bekannt ist. Bei einer Instandsetzung 1722 wird von zwei Laden gesprochen; 1762 nimmt der Osnabrücker Orgelbauer Mencke eine Reparatur für 65 Reichstaler vor.

Am 6. Juni 1784 schloß das Kapitel von St. Johann einen Vertrag mit dem Orgelbauer Eberhard Berner aus Osnabrück zu einem Neubau der Orgel, die nun auf einer neuen Empore zwischen die Westtürme über das Hauptportal gestellt wurde. Berner übernahm aus der alten Orgel 4 Bälge und 10 Register, die er wegen des geringen Tonumfangs des alten Werkes im Baß und Diskant um die Töne Dis, Fis, Gis und cis"' - f... ergänzen mußte. Es sind die Stimmen: Quintadena 16', Gedackt 8´, Octave 4´, Quinte 3´, Superoctave 2', Nasatquinta 1 1/2', Sesquialter 3f. 3' und Fagott 16' im Manual sowie Octave 8' und Trompete 8' im Pedal. Die neue Orgel erhielt 30 Register, verteilt auf Hauptwerk, Oberwerk und Pedal; eine Schleife im Oberwerk wurde für eine später einzubauende Solozunge freigelassen. Das Werk kostete ohne Gehäuse, Verzierungen und Balgstuhl 950 Täler; zusätzlich sollte der Orgelbauer eine »Discretion« erhalten, wenn das Instrument gut gelungen war. Mit einiger Verspätung wurde das Werk anstatt zu Martini 1786 erst am 3 1. Mai 1787 fertiggestellt.

Die Disposition lautete nach dem Vertrag:
Hauptwerk C, D-fOberwerk C, D-fPedal C, D-c'
Quintadena     16'Rohrflöte     8'Principal     16'
Principal     8'Flöte Traver     8'Subbas     16'
Gedeckt     8'ab g°Octave     8'
Hohlflöte     8'Principal     4'Quinta     6'
  (Kammerton)Gemshorn     4'Octave     4'
Octave     4'Duesflöte     4'Schärffe     2f.
Spitzflöte     4'Octave     2'Posaune     16'
Quinta     3'Waltflöt     2'Trompete     8'
Superoctave     2'Rauschpfeife 2f     1 1/2'
Nasat Quinta     1 1/2'(Vox humana
Sexquialter 3f.     3'oder Regal     8')
Mixtur 3f.     2'
Schärffe 3 f.     1'
Fagott     16'


Alte Orgel im Querschiff
Die Vox humana im Oberwerk wurde noch nicht gebaut; erst 1825 setzte der Orgelbauer Brinkmann zusammen mit dem Instrumentenmacher Holthaus auf die freie Schleife ein geteiltes Register: Bassethorn (Krummhorn) 4' im Baß (C-c') und Vox humana 4' im Diskant (ab cis'), beide »nach dem Modell, Größe und Umfang aus der Domorgel" Die Domorgel war 1786-90 von Jacob Courtain erbaut und wegen ihrer schönen Zungenstimmen französischer Bauart berühmt; wahrscheinlich standen die beiden Register der Johannisorgel jedoch nicht in 4'-, sondern in 8´-Lage wie die entsprechenden des Domes.

Bereits 1821 hatte Holthaus die Orgel gereinigt und auf die temperierte Stimmung gebracht, »dergestalt, daß der sogenannte Orgelwolf in allen Tönen richtig verteilt ist, so daß der Sänger im Singen eine angenehme Erleichterung fühlt«.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde die Johanniskirche von Grund auf restauriert. Bemerkenswerterweise bezeichnen die Bauräte Grahn und Heydenreich in einem Gutachten aus dem Jahre 1873 neben Altären, Beichtstühlen und Kanzel auch Orgel und Orgelbühne als »Machwerke aus der schlechtesten Barockzeit«. Ein Plan des Architekten Behnes von 1879 sieht die Verlegung der Orgel in einen der Türme vor. Dieser Umbau wurde 1883/86 durch den Orgelbauer Haupt aus Ostercappeln ausgeführt, obwohl Domorganist Brennecke in seinem Gutachten »eine kleine Einbuße der Wirksamkeit der Orgel« befürchtete. Haupt versetzte die Orgel in den Südturm und erneuerte Traktur, Klaviaturen, Registerknöpfe und Gebläse. Ursprünglich war geplant, die Öffnung der Empore des Südturmes mit einem blinden neugotischen Prospekt zu »dekorieren«, was jedoch aus finanziellen und klanglichen Gründen unterblieb.

An diesem akustisch sehr ungünstigen Standort wirkte die ohnehin nicht große Orgel für die weite Johanniskirche zu schwach, wie auch Bösken 1936 in seiner Musikgeschichte der Stadt Osnabrück feststellt. Nachdem bereits vor dem Zweiten Weltkrieg Pläne für eine neue Chorempore entwickelt worden waren, um dem damals im Nordturm ebenfalls sehr unvorteilhaft placierten Chor einen besseren Standort zu geben und ihm ein Zusammenwirken mit der Orgel zu ermöglichen, wurde 1952/53 als neuer Platz für Chor und Orgel das nördliche Querhaus gewählt. Für die Aufstellung an diesem Ort sprachen neben klanglichen vor allem liturgische Gründe, die sich im übrigen nach dem Il. Vatikanischen Konzil allgemein verbreiteten.

Die Orgel wurde von der Orgelbauwerkstatt Breil aus Dorsten auf 3 Manuale und Pedal erweitert; von den vorgesehenen 55 Registern wurden zunächst nur 42 gebaut. Das historische Pfeifenmaterial und die alten Windladen verwendete man weitgehendst, allerdings wurde die sehr schwer spielbare Mechanik durch eine elektrische Traktur ersetzt, wie es damals bei großen Instrumenten üblich war. In der Renovierung von 1978 durch die Werkstatt Kreilenbrink wurde die gesamte technische Anlage der Orgel erneuert und die Spieltraktur wieder mechanisch gebaut. Die Disposition fußt auf der Klangsubstanz der alten Orgel, von der 17 Register die Jahrhunderte überdauert haben. Diese alten Stimmen prägen weiterhin das Klangbild des Instrumentes, das damit die einzigen historischen Orgelregister in der Stadt Osnabrück enthält.

Prof. Dr. Winfried Schlepphorst (anläßlich der Orgelweihe 1978)

Anmerkungen zum Umbau der Orgel


neue orgel unter der Rosette
Neue Orgel unter der Rosette Bei der Umstellung der Orgel in das Westwerk konnten die meisten Teile des technischen Neubaus von 1978 wiederverwendet werden. Neu gefertigt wurden die Gehäuse für Hauptwerk, Rückpositiv, Schwellwerk und Pedal, die Pedalladen sowie die Pedaltraktur. Alle anderen Windladen sind von 1978; auch die Wellenbretter konnten übernommen werden. Der vorhandene Spieltisch wurde in das Untergehäuse des Hauptwerks eingeschoben. Die Anordnung der Klaviaturen zu den Werken sowie die Registerzüge entspricht jetzt der klassischen Bauweise: Manual I - Rückpositiv, Manual 11 Hauptwerk, Manual III - Schwellwerk.

Wegen der Platzverhältnisse mußte das Schwellwerk hinter dem Hauptwerk aufgestellt werden. Wo es mit geringen Mitteln möglich war, wurde die Orgel auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Hier ist als Beispiel die Reduzierung der Tastengewichte zu nennen.

Im Bereich der Spielhilfen ist das Registercrescendo sowie Sub-Koppeln in den Manualen hinzugekommen. Hiermit läßt sich romantische Orgelmusik adäquater darstellen.

Das Pfeifenwerk wurde gereinigt; bei den Prospektpfeifen mußten wegen der vorher asymmetrischen Aufstellung größtenteils die Füße erneuert werden.

In der Disposition ergeben sich Änderungen durch Umstellen von Registern und geringe Erweiterungen.

Quellenangabe:

Die obigen Texte sind entnommen aus der Broschüre "Die Kreienbrink-Orgel in St. Johann Osnabrück", Hrsg.: Kath. Pfarramt St. Johann, Osnabrück

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